Vorwort
Um was gehts denn
eigentlich?
Ayya Khema
Dieser
Vortrag von Ayya Khema hat mich besonders berührt und daher möchte ich
ihn so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen, weil er sie
vielleicht zum Nachdenken bewegt und zum Praktizieren ermutigt.
Es ist mir
eine große Freude, die Gelegenheit zu haben auch auf diese Weise die
Gabe des Dhamma weiterzureichen.
ROLAND
WILDGRUBER
Buddha-Haus im Allgäu, Mai 1992
In der
Geschäftigkeit des täglichen Lebens wird oft vergessen, dass es höhere
Werte gibt als die alltäglichen, denen wir nachjagen. Vor allen Dingen
passiert dies, wenn die Jagd so aufreibend ist, dass überhaupt keine
Ruhepausen eintreten. Dann vergisst der Mensch vollkommen, um was es
eigentlich geht.
Es geht
bestimmt nicht darum, mehr zu haben, oder mehr zu wissen. Mehr als wer?
Der Nachbar? Oder jemand am anderen Ende der Welt? Oder derjenige, der
bei uns im Haus wohnt? Mehr als gestern? Die ganze Jagd, die sich im
weltlichen Leben abspielt und sich in der Schnelligkeit und
Geschwindigkeit spiegelt, in der jeder vorwärtskommen will, ist ein
Trugbild. Wo ist vorwärts? Die Welt ist rund. Unsere ganze Lebensdauer
ist von Geburt bis Tod. Wenn wir älter werden, werden wir körperlich
schwächer. Wo ist da vorwärts? Es geht höchstens rückwärts.
Die meisten
Menschen vergessen vollkommen, was wirklich wichtig ist. Selbst wenn wir
es hören, ist es uns immer noch nicht klar, was im Mittelpunkt des
Geschehens steht. Um was geht es denn eigentlich? Geht es darum keine
Schmerzen zu haben? Oder geht es darum, besser meditieren zu können als
unser Nachbar? Oder vielleicht besser als alle Anwesenden? Weiß
eigentlich jeder, um was es geht?
Weil der
Buddhismus im Westen ja größtenteils unbekannt ist, wird oft gefragt, ob
er Religion oder Philosophie oder Psychologie sei. Es wird auch manchmal
diskutiert, ob er eine Gefahr für das Christentum sei. Ich glaube, die
Frage allein zeigt schon die Absurdität einer solchen Besorgnis.
Buddhismus
praktizieren ist eine der Möglichkeiten, um zu verstehen, wovon das
menschliche Leben handelt. Es geht immer wieder um dasselbe, aber wir
müssen uns hineinknien, in diesem Fall sogar wörtlich genommen. Wenn wir
oberflächlich zuhören, passiert überhaupt nichts. Im Gegenteil! Erst
einmal müssen sich Herz und Geist einig sein, dass die Jagd in der Welt
auf keinen Fall bleibende Resultate bringen kann. Im Herzen ist es aber
möglich, einen Weg zu finden, der alle Fragen beantwortet und der uns
dann am Ende zeigt, wieso wir überhaupt auf der Welt sind.
Wen das
nicht interessiert, der braucht nicht zu meditieren. Da können wir
unsere Zeit anders verwenden. Wir können etwas lernen, womit wir Geld
verdienen oder auf unsere Freunde Eindruck machen können. Mit Meditation
werden wir nie Eindruck machen, höchstens auf uns selbst. Wollen wir auf
uns selbst Eindruck machen, dann müssen wir auch etwas Druck auf uns
ausüben. Dieser Druck kann weit stärker sein als wir annehmen. Wir
nutzen unsere geistigen Fähigkeiten vielleicht zu 25 Prozent; Die
anderen 75 Prozent verwenden wir um angenehme Sinneseindrücke zu
bekommen.
Wenn wir
uns nicht ernsthaft mit Herz und Geist bemühen, dann werden sie uns auch
nicht helfen und nichts wird geschehen. Nichts auf der Welt von Wert,
und sei er noch so materiell, können wir ohne Bemühung erreichen. Was
bekamen wir in diesem Leben bis jetzt ohne Bemühung? Auch die falschen
Bemühungen erzeugen Resultate, wenn auch oft solche, die wir lieber
vermieden hätten. Die richtige Bemühung kann die größte Veränderung
bewirken, die im Leben je möglich ist. Sei es Philosophie, Psychologie,
christlich oder buddhistisch, - macht das wirklich etwas aus? Worauf
kommt es denn eigentlich an? Immer nur auf das eigene Herz und den
eigenen Geist, die sich ständig in eine Sackgasse verrennen, weil sie
Dinge möchten, die sie nicht haben können oder Dinge loswerden wollen,
die sie haben. Jedoch einmal erreicht oder losgeworden, kommt schnell
wieder etwas Neues.
Es ist ein
Jammer, die Fähigkeiten, die wir haben, so zu verschwenden. Wir haben
die Möglichkeit, das größte Glück und die größte Reinheit zu erleben, so
dass wir nicht nur in unserem Innenleben eine ganz andere Realität sehen,
sondern diese Sicht auch auf unsere Umwelt ausbreiten können. Diese
andere Realität hat nichts damit zu tun, dass die Welt sich vor unseren
Augen ändert. Es ist die Welt unseres inneren Auges, die sich ändert.
Wenn das geschehen ist, dann haben wir der Welt den größten Dienst
erwiesen, der denkbar ist. Wir fangen vor allen Dingen damit an, nicht
mehr "Gib mir etwas" zu denken, sondern "Ich will geben". Erst wenn es
dazu kommt, dass ich geben will und nicht erwarte, dass man mir gibt,
dann fängt das Leben an, tieferen Sinn zu haben.
Natürlich
ist Buddhismus eine Religion. Es gibt 500 Millionen Buddhisten auf der
Welt. Natürlich ist Christentum eine Religion. Es gibt 700 Millionen
Christen auf der Welt. Wie viele Menschen beider Religionen praktizieren?
Sind Worte wirklich wichtig? Das einzige, was den kleinsten Unterschied
im universellen Bewusstsein der Menschheit machen kann, ist ein
praktizierender Mensch, sogar einer nur.
Der Buddha
ist viele Kilometer zu Fuß gegangen, um einen Menschen zu belehren, weil
dieser eine wirklich praktizieren wollte. Wir können nicht auf den
nächsten warten, der es tun soll. Wir können nur selber der eine sein.
Rabbi
Hillel hat im 1.Jahrhundert unserer Zeitrechnung gesagt: "Wenn nicht ich,
wer denn? Wenn nicht jetzt, wann dann?" Übermorgen oder Montag? Es gibt
doch nur diesen einen Augenblick, und der ist jetzt. Hat irgend jemand
von uns, oder sonst wo auf der Welt, eine schriftliche Garantie, dass er
übermorgen - oder gar morgen - noch am Leben sein wird? Oder heute nacht?
Das ist doch nichts wie eine Hoffnung; Natürlich eine berechtigte
Hoffnung, wenn wir nicht todkrank sind, aber dennoch keine Garantie. "Wenn
nicht jetzt, wann dann?"
Jetzt ist
der Körper noch einigermaßen in Ordnung, und kann nur darum nicht ruhig
sitzen, weil es ihm ungemütlich wird, und das Erdulden und Überwinden
dem Geist fremd ist. Der Geist hat alle seine Sinne beisammen und kann
Ruhe- und Einsichtsmeditation üben. Wer weiß, was nächste Woche ist?
Oder nächstes Jahr? Oder morgen früh?
Wenn wir
kein Verständnis dafür erlangen, dass wir das materielle Leben einmal
hinter uns lassen und uns ganz dem Spirituellen zuwenden müssen, um dort
unsere Hingabe, Liebe, Vertrauen, unser ganzes Sein auszuschütten, wird
nie etwas aus unserer Transformation werden. Wohin denn mit den ganzen
Kräften, die jeder von uns in sich trägt? Geld verdienen? Dazu brauchen
wir doch nicht unser ganzes Sein. Neue Menschen kennenlernen? Noch mehr
Bücher lesen? Genügen nicht schon die, die wir bereits gelesen haben? Um
was geht es denn eigentlich? Was ist denn so wichtig? Soll es etwas
gemütlicher sein, die Beine oder der Rücken sollen nicht weh tun? Ist
das wirklich, worum das Leben geht?
Um was
handelt es sich denn im Herzen und im Geist? Es handelt sich doch nur um
eine einzige Sache: um Freiheit, die Erlösung, das Ende aller
Verknechtung des Geistes; so dass er nicht immer wieder mit alten
Mustern reagiert und immer wieder einen Grund findet, um unglücklich zu
sein. "Irgend jemand hat mir wieder nicht gegeben, was ich haben wollte."
Wir glauben,
wir kämen mit einem Gutschein auf die Welt, wie man ihn im Warenhaus
erstehen kann, und mit dem wir uns alles abholen können, was wir haben
wollen. Alles müssen wir uns erarbeiten, jedes bisschen. Und wie
erarbeiten wir uns den inneren Frieden? Indem wir immer wieder von den
Sinnen loslassen.
Was die
Sinne uns bieten, ist nichts weiter wie ein Trug, eine Gaukelei, die
leider jeder glaubt. Wenn wir eines Tages die Notwendigkeit erkennen,
uns davon zu befreien, dann müssen wir uns immer wieder klar machen,
dass es nicht darum geht, Angenehmes zu sehen, hören, riechen, schmecken,
berühren und zu denken. Es geht darum, das tiefere Sein zu erfassen, das
in allen von uns das gleiche ist.
Wenn das
nicht so wäre, dann wäre es wahrhaftig so, wie die Menschheit glaubt,
dass nämlich die fünf Weltreligionen nicht miteinander übereinstimmen.
Es gibt natürlich auch einige Menschen, die dies nicht glauben, aber die
Mehrheit denkt, dass es wirklich darauf ankäme, welcher Religion wir
angehören. Sogar dass die anderen Menschen Unrecht haben müssen, wenn
sie nicht zu unserer Religion gehören. Ein heller Wahnsinn natürlich.
Was wollen denn die Religionen von uns? Dass wir uns läutern, dass wir
erkennen, um was das Leben wirklich geht, was es bedeutet, Mensch zu
sein, vor allem einmal ein ganzer Mensch werden.
Wir sind
alle Menschen als Menschen geboren, aber wir müssen auch unsere
Menschlichkeit entfalten lernen. Es hat nichts damit zu tun, ob wir Mann
oder Frau sind. Es handelt sich um das Menschsein, und nicht darum,
welchem Geschlecht wir angehören. Selbstverständlich haben wir
verschiedene Kennzeichen und Merkmale, aber selbst unter Männern und
Frauen sind diese oft unterschiedlich. Die Menschheit ist eins, sogar
eins mit der Natur, und mit allem, was existiert.
Der Buddha
hat gesagt: "Das ganze Universum, ihr Mönche, liegt in diesem
klafterlangen Körper (und in dem Geist)." Hier bei uns selbst ist alles
zu finden, nichts anderes gibt es. Menschsein bedeutet, dass wir dessen
ganze Tiefe und volle Größe erfahren, die in jeder Religion gelehrt
werden. Wenn die Menschen nicht mehr auf den ursprünglichen Lehrer hören,
sondern ihren eigenen Vorstellungen folgen, geht vieles von der
Eindeutigkeit der Lehre verloren. Aber wenn wir wieder zur Quelle, zum
Ursprung, zurückkehren, dann sehen wir, es gibt nur eine einzige Quelle.
Wenn wir uns dieser Quelle nähern, kommen wir der vollkommenen Reinheit
näher, denn die Quelle ist ohne jegliche Unreinheiten, und enthält alles,
was wir brauchen. Um uns ihr zu nähern, müssen wir uns voll hingeben.
Unsere eigenen Wünsche und Vorstellungen haben überhaupt nichts damit zu
tun.
Es gibt
eine Lehrrede des Buddha, die "Brahmajala-Sutta", auf Deutsch "Das Netz
der Ansichten", und in ihr sind 62 Ansichten beschrieben, die eine
Zusammenfassung von allen Ansichten sind, die ein Mensch haben kann.
Alle sind falsch, weil sie auf dem "Ich" aufgebaut sind, also auf einer
Person von Sandkorngröße, die von sich aus alles irgendwie beurteilt.
Das kann natürlich nicht stimmen. Wenn wir unsere eigenen Ansichten
einmal aus dem Spiel lassen und uns wirklich eine halbe Stunde hingeben
würden, dann könnten wir erkennen, um was es geht. Es geht um die
Läuterung von Herz und Geist und nicht um Erklärungen, Ansichten,
Erläuterungen oder irgendwelche Ideen, Ablehnungen, Hoffnungen und Pläne.
Nichts davon, alles steht im Weg.
Alles sind
Barrieren, mit denen wir uns Tag für Tag herumschlagen und die das Leben
nicht nur schwierig machen und es auf die Sinne ausrichten, sondern uns
auch in einer Art und Weise begrenzen, so dass wir nie das Ganze sehen
können. Wir können gerade das sehen, was unsere eigene Person und die
paar Menschen betrifft, die um uns herum leben. Schon dieser Erdball,
auf dem wir leben, ist uns fremd. Da sind andere Menschen, irgendwo. Was
machen die eigentlich? Existieren sie überhaupt? Vielleicht werden sie
uns einmal auf dem Fernseher gezeigt. Aber wir sind nur mit "ich"
beschäftigt. "Ich will, ich möchte, ich habe, ich werde." Das
funktioniert einfach nicht, um Frieden und Harmonie herbeizuführen.
Wenn wir
wissen wollen, um was es geht, müssen wir unsere eigenen Ansichten
loslassen, denn sonst können wir es ja nie erfahren. Wenn wir glauben,
dass unsere eigenen Ansichten stimmen, dann müssen wir nachprüfen, ob
sie uns glücklich machen. Sollte das nicht der Fall sein, dann dürften
wir wohl annehmen, dass sie nicht stimmen. Oder glaubt jemand, dass wir
auf der Welt sind, damit andere uns recht glücklich machen? Oder dazu,
dass unsere eigenen Vorstellungen uns immer wieder verfolgen, so dass
wir überhaupt keine neuen bekommen können?
Der Buddha
hat gesagt, es gäbe vier Arten Menschen, vergleichbar mit vier Arten
Tongefäßen. Das erste Tongefäß hat Riesenlöcher im Boden. Wenn Wasser
hineingegossen wird, läuft es gleich wieder heraus. Was wir mit dem
rechten Ohr hören, läuft aus dem linken wieder heraus. Die zweite Art
Tongefäß hat Risse. Das Wasser, das hineingegossen wird, sickert heraus.
Was wir hören, zur Kenntnis nehmen oder auch erleben, sickert alles weg.
Wir kehren mit unseren Gedanken gleich dorthin wieder zurück, wo wir
immer schon waren. Die dritte Sorte Tongefäß ist bis an den Rand voll
mit Wasser, so dass kein frisches Wasser hineingegossen werden kann. Das
sind solche Menschen, die sowieso schon alles wissen, also nichts Neues
in sich hereinlassen. Das ist eine besonders unangenehme Situation, wenn
wir viel Neues zu hören bekommen, da wir ja dann ständig beim Ablehnen
sein müssen. Da wir zu voll mit Meinungen sind, haben wir keinen
Freiraum für anderes übrig. Dann gibt es natürlich noch ein Tongefäß,
das weder Löcher, noch Risse hat und leer ist. Dort kann man wirklich
frisches Wasser hineingießen. Wir können uns aussuchen, welche Art
Tongefäß wir sein wollen.
Der Buddha
hat vor zweieinhalbtausend Jahren darüber gesprochen, und auch heute
sieht es nicht anders aus. Trotzdem hat er sich nicht davon abhalten
lassen, 45 Jahre seines Lebens tagtäglich zu lehren. Denn er sagte, es
gäbe einige Menschen mit wenig Staub auf den Augen, womit natürlich das
innere Auge gemeint ist. Auch wenn es nur wenige Menschen sind, aber die
werden die Wahrheit verstehen.
Die
Möglichkeit, auf dieser Welt das wahre Dhamma zu hören, war schon zu
Zeiten des Buddha eine Rarität und heute noch viel mehr. Wenn wir es
hören, können wir Gefühle der Liebe, Zuneigung und des Vertrauens dafür
bekommen, was anfänglich vielleicht nicht so selbstverständlich ist.
Dann müssen wir es uns merken, was auch nicht leicht ist, und dann uns
der höchsten Wahrheit hingeben. Wir sollten dazu in der Lage sein, wenn
wir die gewöhnliche Ebene, auf der die Menschheit lebt für nicht
zufriedenstellend erkannt haben. Sollte jemand sie für tiefst
zufriedenstellend halten, würde er dies bestimmt nicht lesen, um Neues
zu erfahren. Wir sind nur interessiert, weil die Marktplatzrealität uns
nicht erfüllt, und wir den Weg heraus aus dem Leid suchen. Die Ebene des
Marktplatzes kann uns dabei nicht helfen, und das ist keines Menschen
Schuld. So ist die Existenz der Welt. Da können wir, wie der Buddha
gesagt hat, die höchsten Berge besteigen, in den tiefsten Grund des
Meeres tauchen, es bleibt sich alles gleich. Wir begehren etwas und
bekommen es nicht; Wir bekommen etwas und wollen es nicht. Immer wieder
das gleiche und keiner hat daran Schuld.
Wenn uns
das nicht einleuchtet, können wir nicht praktizieren. Es ist unmöglich,
sich dem spirituellen Pfad wirklich hinzugeben, wenn wir immer noch
glauben, dass in der Welt und bei Menschen etwas zu finden ist, was
volle Erfüllung bietet. Das einzige, was wir da finden können, sind
Sinnesbefriedigungen, z.B. genügend Essen, um Hunger zu vermeiden. Um
dem spirituellen Leben uns wirklich hinzugeben, müssen wir wissen, dass
wir nichts bekommen werden, sondern dass wir anfangen wollen aufzugeben.
Wenn wir uns selbst hingeben können, ist der erste Schritt getan. Alles
was wir in uns tragen, das unser "Ich" bestätigt, umfasst, erhält,
unterstützt, erklärt, bedeutsam macht, spielt sich auf der weltlichen
Ebene ab.
In dem
Augenblick, wo wir uns selbst hingegeben haben, selbst wenn es nur für
eine Sekunde ist, gibt es kein einziges Problem mehr, denn wer sollte
dann ein Problem haben? In dem Augenblick ist keiner vorhanden, der
Probleme haben könnte. Je größer das Ich, das Mein und Mir, das
Habenwollen in uns ausgeprägt ist, desto mehr Probleme haben wir. Wir
können unsere eigene Ichbezogenheit ganz genau daran kalibrieren. Mehr
Probleme, mehr Ego. Ein Gleichnis dafür ist ein dicker Mensch, der durch
eine Tür gehen will und an beiden Seiten der Tür anstößt und sich wehtut.
Genauso geschieht es mit einem dicken Ich. Es stößt überall an und tut
sich ständig weh.
Die Welt
ist nicht so geschaffen, dass sie uns unterstützt und sich um unser
Wohlergehen sorgt. Sie schuldet uns überhaupt nichts, aber wir schulden
unserer Umwelt viel. Wir sind nur am Leben, weil unsere Umwelt uns
erhält. Ohne die Menschen und Natur um uns herum, könnten wir nicht
existieren. Wenn wir einmal klar sehen, dass wir unserer Umwelt sehr
viel verdanken, wird unser Denkprozess vielleicht in andere Bahnen
geleitet. Solange wir nur mit der Idee des Habenwollens beschäftigt sind,
reiht sich ein Problem pausenlos an das andere. Am Ende können wir
überhaupt nicht mehr klar sehen, denn je mehr Negativitäten wir in uns
haben, desto unklarer, vernebelter und verdüsterer wird das Bild. Am
Ende glauben wir nur noch, dass wir ungerecht behandelt werden, weil
niemand uns das gibt, was wir haben wollen.
Wenn wir
doch nur einmal zuhören würden, dann würden wir schnell erkennen, dass
Ursache und Wirkung zusammengehören, dass nicht Chaos, sondern
Kausalität im Universum herrscht. Keiner hat es auf uns persönlich
abgesehen. Der einzige, von dem sich das sagen ließe, sind wir selber.
Aus lauter Unvernunft tun wir uns oft selbst sehr weh. Es gibt im ganzen
Universum niemanden, der es böse mit uns meint. Aber wir selber sind
darin sehr geschickt. Andererseits gibt es genauso niemanden, der uns
erlösen kann, auch das muß durch eigene Läuterung, Verständnis und
Hingabe geschehen.
Wenn ich
mich selber geben kann, dann kann ich alles geben. In dem Augenblick, wo
"ich" "mich" zeitweilig aufgeben kann, wenigstens während der
Meditation, sind vor allem Meditationsresultate zu erwarten. Außerdem
erleben wir, was es bedeutet, wenn "ich" einmal nichts haben will,
sondern nur "bin". In der Stille ist die Gelegenheit dafür gegeben,
draußen in der Welt nicht. Dort läuft erstens einmal alles viel zu
schnell ab, und zweitens werden ganz andere Anforderungen an uns
gestellt.
Wenn wir
die Zeit in der Abgeschiedenheit nicht zur wahren Praxis verwenden,
bedeutet dies böse mit uns selber zu sein. Keinem andern wird geschadet,
nur uns selber. Es ist ja auf der tiefsten Ebene der Wahrheit unmöglich
einem anderen Schaden zuzufügen. Wir können nur uns selber schaden.
Vielleicht können wir lernen, unser eigener guter Freund zu sein, und
überlegen, was diese Freundschaft bedeuten kann. Vielleicht können wir
durch Hilfestellung eines Freundes erkennen, was eigentlich gut für "mich",
den besten Freund ist. Nachdem wir das erkannt haben, folgt dann die
Erwägung: "Wie mache ich das, oder erwarte ich immer noch, dass jemand
anders es für mich tut?" Aber vielleicht ist es uns inzwischen ganz klar,
dass jeder andere auch für sich selbst das Glück sucht; Ohne diese
Einsicht ist es unmöglich zu praktizieren.
Der
spirituelle Weg verlangt den ganzen Menschen, und verlangt ein klares
Verständnis für uns selbst. Außerdem brauchen wir Vertrauen, Liebe,
Geduld und Beharrlichkeit. Wir können so weit praktizieren wie es unsere
Charaktereigenschaften, die wir hierher mitgebracht haben, uns erlauben.
Durch ständiges Praktizieren läutert sich aber unser Charakter, so dass
das Praktizieren überhaupt keine Schwierigkeiten mehr bereitet. Im
Gegenteil, nicht zu praktizieren wäre eine Schwierigkeit, denn dann
verfallen wir wieder mit Haut und Haar den Illusionen der Welt, lassen
uns von ihnen einfangen und sehen die wahren Werte nicht mehr.
Die tiefen
Werte im Leben kommen aus Herz und Geist und sind Liebe, Mitgefühl,
Gleichmut, Einsicht in die Vergänglichkeit und den Tod, Verständnis für
die Wesensgleichheit von allem Existierenden, Zusammengehörigkeit,
Helfenwollen, Erkennen des Dukkha in uns selber und allen andern,
und dann das Transzendieren. Das sind die wirklichen Werte. Alles andere
ist dafür da, um uns am Leben zu halten. Natürlich müssen wir auch am
Leben bleiben, um die wirklichen Werte zu erkennen; aber es lohnt sich
wirklich nicht, sich nur zu bemühen am Leben zu bleiben, denn das hat ja
noch nie jemand geschafft. Bei allen endet das Leben mit dem Tod.
Wenn wir
unser Leben damit verschwenden, um am Leben zu bleiben und angenehme
Sinneskontakte zu haben, ist dies ein Verlust eines wertvollen
Menschenlebens, und unsere Zeit ist unnütz verbracht.
Ein jeder
von uns kann sich nach den wahren Werten ausrichten und versuchen, diese
ständig als Richtlinien vor Augen zu haben. Dazu gehören auch alle
Meditationsmethoden, die wir nun schon gehört, praktiziert und wohl
teilweise wieder vergessen haben. Solche Wegweiser und Einsichten machen
das Leben nicht nur lebenswert, sondern zeigen uns auch, was für eine
Bedeutung das Menschsein hat. Es kann bis zum völligen Transzendieren
führen, aber erst einmal muß die Menschlichkeit in uns geschaffen werden.
Das geschieht erst, wenn wir keinen Teil der Existenz ablehnen.
Vielleicht lehnen wir Männer, Frauen, Unannehmlichkeiten, Eltern oder
Kinder ab. Es ist ganz gleich, was wir ablehnen, die Menschlichkeit wird
erst in uns geschaffen, wenn wir damit ganz aufhören.
Der nächste
Schritt ist das Aufgeben der Erwartungshaltung, und wir stattdessen
Selbstverantwortung übernehmen. Dann verstehen wir auch eines Tages,
dass die Menschlichkeit, die wir erst einmal in uns entfalten müssen,
dazu da ist, um sie zu transzendieren, um darüber hinaus zu wachsen.
Dazu dient der spirituelle Pfad, dafür leben wir das spirituelle Leben,
das ist der Sinn der Meditation.
Meditation
hängt nicht von einer bestimmten Methode ab. Meditation ist auch kein
Hobby, das wir noch in unser Leben einbauen können, damit wir ein
bisschen glücklicher werden. Meditation ist ein Teil der Spiritualität,
die in jedem von uns zu finden ist und die wir durch Meditation ausbauen
und erweitern können, so dass wir von ihr vollkommen ausgefüllt sind.
Wir können Meditation nicht als etwas außerhalb von uns selbst
betrachten, wie z.B. Garten bebauen, Skilaufen oder Briefmarkensammeln.
Die Meditationsmethoden sind natürlich nötig, aber Meditation bedeutet
unser Innenleben zu verändern bis wir eines Tages dadurch ein ganz
anderes Verständnis für die Welt haben.
Meditation
führt uns zu dem, was alle spirituellen Meister und Religionsgründer
beschrieben haben: Wir halten in Wirklichkeit nur aus Unvernunft und
Unwissen an unserer Ichbezogenheit und unseren Begierden fest. Es ist
einfach die Begrenzung, die wir uns selbst auferlegen, weil wir die
Scheuklappen nicht von den Augen nehmen, um in die Weite zu schauen,
wodurch sich Herz und Geist erweitern. Was wir bekommen ist unwichtig,
nur was wir geben, ist bedeutsam.
Dieser
kleine Erdball, auf dem wir leben, ist ein winziges Ding, welches im
Universum mit unvorstellbarer Schnelligkeit herumsaust. Es herrscht viel
Dukkha auf ihm, welches wir noch vergrößern, wenn wir negativ
denken, sprechen und handeln, und dadurch noch mehr davon in die Welt
hinauslassen statt uns um das Gegenteil zu bemühen. Wir könnten uns von
allen Bürden befreien, wenn wir die Ichbezogenheit aufgeben und erkennen,
dass im Innenleben etwas ganz anderes herrscht als in der Welt. Solange
wir mit der Welt draußen beschäftigt sind, können wir nicht innen hinein.
Es ist nur möglich, an dem einen oder dem anderen Platz zu sein. Beides
zusammen geht nicht, denn sie sind so weit auseinander, wie der Mond,
die Sterne und die Sonne von uns entfernt sind.
Draußen ist
nichts anderes als eine Manifestation der Existenz, die uns vorgaukelt,
das wäre die Welt für uns. Hier drinnen ist die Wahrheit. Wenn wir nicht
hineinkönnen, liegt es nur daran, dass wir mit dem, was wir möchten und
wollen, wer wir sind, was wir noch nicht haben, und mit allen Dingen,
die uns im Kopf herumschwirren zu beschäftigt sind. Es ist ein Jammer,
die Zeit nicht dafür zu verwenden, alles Äußere fallen zu lassen und
innerlich zu erkennen, dass der Körper, auf den wir so viel Fürsorge
verwenden, nur Materie ist. Er bestimmt uns, weil er essen, schlafen,
sitzen, liegen, stehen, gehen möchte, hier und dort ein Zipperlein hat,
und der Geist andauernd darauf reagiert. Dann würden wir bald sehen,
dass er uns immer im Weg sein wird, und es unmöglich ist, den Körper
permanent zu befriedigen, wenn wir es noch so oft probieren. Wir
probieren es ja schon seit Jahrzehnten, und haben es doch nie geschafft.
Genau so
unmöglich ist es, den Geist permanent durch die Sinneskontakte zu
befriedigen. Wir probieren auch das schon, seitdem wir auf der Welt sind.
Es muß uns doch einmal klar werden, dass das einfach nicht geht, denn so
ungeschickt sind wir doch nicht, dass wir bei allen unternommenen
Versuchen die permanente Befriedigung so total verfehlt hätten. Es muß
doch möglich sein, das einmal ganz klar zu sehen. Dann können wir uns
darüber hinwegsetzen, dass Körper und Geist von außen befriedigt werden
wollen und damit anfangen, die Befriedigung endlich einmal innen zu
suchen. Was sucht denn eigentlich jeder? Bestimmt nichts anderes als
inneren Frieden. Glaubt irgend jemand, dass wir ihn bekommen können,
wenn der Körper befriedigt ist oder wenn die Sinneskontakte angenehm
sind? Sollte es immer noch jemand glauben, dann müßte das nochmals
untersucht werden. Innerer Frieden ist Innenleben, und dieses ist nur zu
finden, wenn wir das Außenleben zeitweilig loslassen, mit der Kraft der
Überzeugung, des Willens, des Überwindens dahinter, und nicht mit der
Schwäche des Habenwollens. Der etwas haben will, ist ein Bettler. Der
etwas geben will, ist ein König. Wir haben die Wahl.
Ayya Khema
wurde 1923 als Kind jüdischer Eltern in Berlin geboren. 1938 entfloh sie
dem Nationalsozialismus und gelangte mit einem Kindertransport nach
Schottland. 1940 kam sie nach China, wo sie während der japanischen
Besatzung drei Jahre in Zivilgefangenschaft gehalten wurde. 1949 wurde
Ayya Khema amerikanische Staatsbürgerin und lebte als Ehefrau und Mutter
zweier Kinder in Kalifornien. 1964 siedelte die Familie nach Australien
über und führte auf einer eigenen Farm ein autonomes Landleben. Auf
ihren Reisen durch Asien kam Ayya Khema mit dem Buddhismus in Berührung.
Nach Jahren der Ausbildung bei namhaften Lehrern in Burma, Thailand, Sri
Lanka, USA und Australien begann sie 1975 Meditation und die Lehre des
Buddha - in der Theravada Tradition - zu vermitteln.
Inzwischen
wurde sie in weiten Teilen der Welt eine gesuchte Meditationsmeisterin.
1978 gründete Ayya Khema unweit von Sydney das Waldkloster "Wat Buddha
Dhamma". 1979 wurde sie in Sri Lanka als Nonne ordiniert. Zwei Jahre
später gründete sie das "International Buddhist Women`s Centre" nahe
Colombo.1984 schuf sie mit ihrem Frauenkloster und Meditationszentrum
auf einer kleinen Insel - mit Namen "Parappuduwa Nuns Island" - im
Südwesten Sri Lankas eine internationale Stätte für Studium und Praxis
des Buddhismus. Auf Grund ihrer Inspiration entstand im Allgäu das
Buddha-Haus sowie das erste buddhistische Waldkloster Deutschlands, mit
Namen "Metta Vihara". Eine Woche vor ihrem Tod, am 2. November 1997, hat
sie noch den "Orden der Westlichen Waldklostertradition" gegründet. Sie
hat zahlreiche Bücher über die Lehre des Buddha veröffentlicht, die
mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt sind. In einzigartiger Klarheit
und Tiefgründigkeit zeigt sie darin ihren Schülern auf der ganzen Welt
den Weg zu einem glücklichen und friedlichen Leben.
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